Wut und Aggression kommen oft daher, dass wir denken, ein anderer hätte unseren Schmerz verursacht und deshalb verdient derjenige jetzt Strafe. Aus dieser Haltung heraus empfinden wir unseren Ärger in dem Moment als vollkommen gerechtfertigt.

Heute war zum Beispiel das Foto einer verletzten Fundkatze in der Zeitung. Sie musste am Auge operiert werden, das jedoch nicht mehr zu retten war. Jemand hatte offenbar mit einem Luftgewehr auf sie geschossen. Was ging dem wohl voraus?

Die Geschichte könnte sich in etwa so abgespielt haben: (Statistisch gesehen, verüben eher Männer solche Taten, daher nehme ich im Beispiel einen Mann.)

Täglich ärgert sich Herr Hintertupfer über die Katze seines Nachbarn, die ihm in die Blumenbeete ihre Häufchen setzt und zeremoniell vergräbt. Oft hat er bei der Gartenarbeit schon eines dieser Würstchen zwischen seinen Händen gehabt und sich geekelt. Nachts hört er im Frühjahr und Sommer bei offenem Fenster die Schreie der paarungsbereiten Katzen. Es ähnelt jedes Mal einem Babygeschrei und raubt ihm die Nachtruhe. Seine Wut auf Nachbars Katze wächst jedes Mal, wenn er sie wieder dabei entdeckt und eines Tages nimmt er sein Luftgewehr und schießt. Sie schreit jämmerlich und flüchtet getroffen über den Zaun.

Als der Mann ihr Foto in der Zeitung entdeckt, denkt er sich. „Geschieht ihr nur Recht! So wird sie es sich merken.“ Er unterstellt dem Tier gemeine Absicht. Das hat über die Zeit seine Wut dermaßen geschürt, dass er sich schließlich „rächte“.

Herr Vorderseher legt auch Wert auf seine Blumenbeete und ist nicht erfreut über die getigerte Katze, die täglich zu Besuch kommt. Doch er ist ein zufriedener Mensch und mochte Tiere schon immer gerne. Liebevoll verscheucht er die Katze, indem er in die Hände klatscht und ihr zuruft: „Mach mal dein Geschäftchen woanders! Gsch!!!“ „Irgendwo musst du, ich weiß…,“ denkt er sich dann. Wenn sie sich in die Ecke seines Gartens setzt, ist das auch in Ordnung.

Noch vor ein paar Jahren wäre dem Luftgewehr-Schützen die Katze gar nicht aufgefallen. Damals hatte er noch Job, Frau und Familie. Doch jetzt ist alles weg, er sitzt zu Hause, schaut oft aus seinem Fenster und ist voller Frust auf Gott und die Welt. So ist die Katze an sich gar nicht die Ursache für die Entladung seiner Wut gewesen. Wohl aber war sie der Auslöser. Sie war der Tropfen, der das Fass seiner Gefühle zum Überlaufen gebracht hat.

Die Ursache für seine Wut war also nicht die Katze, sondern es waren in dem Moment seine unerfüllten Bedürfnisse. Das soll seine Tat nicht entschuldigen. Wenn dieser Mann es jedoch schaffen würde, zu schauen, was da so unerfüllt ist und sich darum kümmern würde, müsste er seine Wut zukünftig nicht an unschuldigen Tieren oder sogar Menschen abreagieren. Womöglich ist er sehr frustriert und braucht dringend eine neue Aufgabe, einen neuen Sinn in seinem Leben.

In jedem Fall würde ich ihn gerne einladen zu einem Intensiv-Coaching mit Schwerpunkt Gewaltfreier Kommunikation. Er könnte lernen, Dinge gelassener zu sehen, weniger zu bewerten und mehr hinter die Kulissen bei sich und anderen zu schauen. Sich nicht mehr länger als Opfer der Umstände sehen, sondern wieder entdecken, welche Möglichkeiten er selbst hat, sein Leben wieder zum Positiven zu wenden.

Das könnte weiteres Leid vermeiden und ihn wirklich vorwärts bringen in Richtung eines glücklichen, erfüllten Lebens. So ist meine Arbeit auch immer ein Stück Friedensarbeit.

Kennst du jemanden, der so ein Coaching gut gebrauchen könnte?

 

Neulich Abend sind wir mit dem Auto nach Hause gefahren, die Temperaturen waren knapp über dem Gefrierpunkt. Ich saß hinten, der Fahrer fuhr ein recht schneidiges Tempo, hatte dabei offensichtlich Spaß am Ausprobieren seines Leihautos. Für mein Empfinden viel zu schnell fuhr er an Abbiegungen heran, um dann kurz zuvor recht heftig abzubremsen. Ich schluckte eine Weile, dann räusperte ich mich und sagte: „Es ist mir zu schnell.“ Er bremste ab, fuhr deutlich gemächlicher. Ich fühlte mich wohler.

Wie oft meinen wir, uns anpassen zu müssen. Um ja nicht negativ aufzufallen. Um nicht anzuecken. Doch warum sollte ich nicht sagen dürfen, wie es mir mit einer Sache geht? Klar darf ich das, das ist mein gutes Recht. Ich hätte noch eine Bitte anfügen können. Möglichst konkret. Zum Beispiel: „Fahr doch bitte nicht schneller als erlaubt.“

Was passiert, wenn ich meinen Ärger oder meine Besorgnis herunter schlucke? Die Verbindung reißt ab, weil ich die unangenehmen Gefühle in mir einschließe. Der andere kann vielleicht ahnen, wie es mir geht. Er könnte aber auch völlig ahnungslos bleiben. Ich dagegen würde mich unverstanden fühlen und auch irgendwie allein  – trotz Gesellschaft. Die Folge ist tatsächlich ein Bröckeln der Beziehung. Die Gefühle zum anderen kühlen dabei unweigerlich ab, weil ich sie nicht zulasse und einschließe.

Wenn ich jedoch meine Gefühlen äußere und mein Bedürfnis ernst nehme (in diesem Fall war es Sicherheit), dann stärkt das nicht nur mein Selbstwertgefühl, weil ich selbst gut für mich sorge. Es macht mich auch transparenter für mein Gegenüber. Ich zeige mich, bin authentisch. Das ermöglicht Nähe.  Auch wenn dies im ersten Moment nicht so ersichtlich ist und vielleicht sogar die Gefahr eines Streits mit sich bringt.

Die Bitte, die ich stelle, erhöht die Chance, dass ich wirklich bekomme, was ich brauche, um mich wohl zu fühlen. Vielleicht liegt dem anderen auch daran, dass es mir gut geht. Vielleicht trägt er gerne zu meinem Wohlbefinden bei. Oder aber er hat seine Gründe, warum er ablehnt.

In dem Fall wäre ich ehrlich interessiert, was das für Gründe sind. Welches Bedürfnis er sich so gerne erfüllen möchte.

In jedem Fall kommunizieren wir offen und ehrlich über das, was uns wichtig ist. Und das öffnet Tür und Tor für mehr Verbindung zu einander.  

Um die Chance zu erhöhen, dass mein Ansprechen der Störung gut aufgenommen wird, spreche ich nur von mir selbst und wie es mir geht. Ich übernehme die Verantwortung für meine Gefühle. Dadurch fühlt sich niemand auf den Schlips getreten. Ich fühle nun mal so. Was könnte jemand dagegen sagen?

Achte heute doch einmal darauf, wann du dazu neigst, den Mund zu halten und dein Anliegen herunter zu schlucken. Probiere gerne einmal den anderen Weg und schau, was das macht, mit dir und deinen Beziehungen.

Stell dir vor, du beschließt heute, auszusprechen, was dich stört. Dabei sprichst du nur von dir, wie es dir geht, und was du brauchst bzw. was dir wichtig ist. Und du schließt eine ganz konkrete Bitte an.

Wie überrascht wirst du sein, wenn du bemerkst, wie gut es tut, für dich selbst gut zu sorgen. Und womöglich kannst du erleben, wie es deine Verbindung zum anderen stärkt. Mehr und mehr, mit jedem Mal, wo du dich zeigst.

 

(Bild von John Hain auf Pixabay.)

 

Genervt

In einer Online-Gruppe hat vor kurzem eine Frau, nennen wir sie Maria, ihr Problem in etwa so geschildert:

„Ich kann einfach nicht aufhören zu nörgeln und zu jammern. Mein Partner ist schon total genervt und es killt unsere Liebe. Doch ständig ist da wieder etwas, wo ich den Mund einfach nicht halten kann! Dann werfe ich ihm vor, dass ich mich allein gelassen fühle mit dem Haushalt  und den Kindern. Ich ärgere mich, dass er sich nicht mehr einbringt. Oder ich halte ihm einen Vortrag, wenn er mal wieder zu schnell Auto fährt. Und seine Wäsche im Badezimmer verteilt.  Bei der Planung des Wochenendes dagegen bezieht er mich nicht ein. Meine Vorschläge verlaufen im Sand. Ich kann mir vorstellen, dass es uns nicht guttut. Doch ich kann einfach nicht aufhören. Warum ist das so? Wie kann ich das stoppen?“

Bedürfnisse wollen erfüllt werden

Wir wissen aus der Gewaltfreien Kommunikation, dass Menschen sich mit allem, was sie sagen oder tun, ein Bedürfnis erfüllen wollen. Wenn also jemand immer und immer wieder nörgelt und jammert, dann weil ein oder mehrere wichtige Bedürfnisse einfach nicht erfüllt werden. „Erfüllt werden“ bedeutet hier nicht, die Schuld dem Partner zuzuschieben. Nach dem Motto: Weil dieser seiner Partnerin einfach nicht ihre Bedürfnisse erfüllt. Nein!

Jeder ist tatsächlich für die Erfüllung seiner Bedürfnisse selbst verantwortlich.

In Verbindung gehen mit mir selbst

Der erste notwendige Schritt wäre, überhaupt zu erkennen, was in einem selbst vorgeht. Das heißt, den Kontakt zu sich selbst wieder herzustellen. Wie geht es mir eigentlich gerade? Bin ich genervt? Frustriert? Warum ist das so? Welches wichtige Bedürfnis ist unerfüllt und schon so lange zu kurz gekommen? Brauche ich Entlastung? Oder geht es mir um Verbindung und Nähe? Bezüglich der Wochenendplanung geht es mir vielleicht auch darum, dass ich mich einbringen kann?

Was ist gerade lebendig in mir? Welches Gefühl und welches Bedürfnis ist jetzt aktuell und will zuerst gestillt werden? Nehmen wir mal an, Maria sagt: „Entlastung, das ist mir am allerwichtigsten. Und Verbindung zu meinem Partner, denn wir sind schon so weit voneinander entfernt.“

Dann würde ich folgendes vorschlagen: Jedes Mal, wenn bei ihr der Impuls spürbar ist, dass sie sich ärgert, weil sie Entlastung braucht, kann sie kurz innehalten. Durchatmen, vielleicht sich 5 min. zurückziehen (Toilette ist eine einfache Möglichkeit). Und sich dann ein, zwei Minuten mit dem eigenen Gefühl und Bedürfnis verbinden: „Ich bin frustriert, weil mir Unterstützung und Entlastung echt wichtig sind.“ Atmen.

Ich würde Maria außerdem anregen, weg vom Urteilen mit Generalisierungen („Immer diese Schlamperei!“) und  hin zum Beobachten (Socken und T-Shirts auf dem Boden…)  zu gehen. Das nimmt den Zündstoff heraus.

Verbindung zum Gegenüber

Nachdem sie in Verbindung mit sich selbst gekommen ist, kann sie überlegen: Welches Bedürfnis erfüllt sich wohl mein Partner mit dem was er tut? Sie könnte ihn später darauf ansprechen. Sich ehrlich interessieren. „Sag mal, geht es dir um Freiheit? Um Selbstbestimmung?“

Ansprechen des Konfliktes

Dann kann sie das Problem in etwa so ansprechen: „ Wenn ich sehe, dass deine Socken, T-Shirts und Hose auf der Wanne und am Boden liegen, dann ärgere ich mich. Weil ich mich wohl fühlen möchte im Badezimmer. Ich will auch nicht zuständig sein, das hier wegzuräumen. Machst du das bitte in der nächsten halben Stunde, bevor ich ins Bad gehe? Das wäre echt eine Befreiung für mich.“

Maria schreibt auch, dass sie das Gefühl hat, sie müsste etwas sagen, um nicht alles mit sich machen zu lassen. Das klingt für mich nach dem Wunsch, Wertschätzung zu spüren. Vielleicht könnte sie ihrem Partner sagen, was sie braucht, um sich geliebt zu fühlen. Ganz konkrete Bitten auszusprechen wäre dazu ganz wichtig. Also nicht: „Du könntest dich mehr einbringen im Haushalt und mit den Kindern.“ Das wäre viel zu unkonkret. Was bedeutet schon „mehr“ und „im Haushalt“?

Stattdessen:  „Ich fände es ganz wunderbar, wenn du einmal die Woche für uns alle kochen könntest. Zum Beispiel am Donnerstag, wenn ich später von der Arbeit komme. Dann komme ich heim und das Essen ist schon fertig. Das bedeutet Liebe und Unterstützung für mich. Bist du bereit, das zu übernehmen?“

So könnte Maria Schritt für Schritt Wünsche, noch besser konkrete Bitten aussprechen. Doch Achtung: Bitten sind keine Forderungen. Der andere ist frei, abzulehnen. In dem Fall müsste Maria einen Weg suchen, sich die Unterstützung selbst zu organisieren. Letztlich ist sie verantwortlich dafür, dass es ihr gut geht. Wenn sie natürlich die Erfahrung machen sollte, dass ihr Partner so gar nicht bereit ist, auf irgendeine ihrer Bitten einzugehen, kann sie auch die Konsequenzen ziehen und sich notfalls trennen.

Wege wählen, die uns gut tun

In jedem Fall: Was ist wohl besser für die Stimmung und Liebe in der Partnerschaft?  Jammern und Nörgeln tagein tagaus, mit dem Ergebnis, sich wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ vorzukommen. Oder offen und transparent zu kommunizieren: Beobachtung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte (Siehe Blogbeitrag: https://www.lichtfinder.com/die-4-schritte-der-gfk/). Es muss übrigens auch nicht immer starr in diesen vier Schritten ablaufen.

Wichtig ist, die Verbindung zu sich selbst um zum anderen ernst zu nehmen. Und nach dem Sprechen folgt unbedingt das Handeln. Das heißt, aktiv für sich zu sorgen. Wie das geht?  Bitten an sich selbst umzusetzen, realisierbare Bitten auszusprechen und sich und den anderen ernst nehmen.  Auch das hilft, sichtbarer zu werden in einer Partnerschaft und dadurch mehr Verbindung erfahren.

In diese Sinne: Viel Erfolg beim Ausprobieren neuer Wege!    Herzlichst, Kirstie Bee

PS: Falls du mehr lesen möchtest, hierzu ein älterer Artikel https://www.lichtfinder.com/vom-jammern-und-umgang-mit-angriffen/

Eine kleine Einführung in die GFK bekommst du hier: https://www.lichtfinder.com/was-ist-gfk-und-was-will-sie/   Darauf basiert mein Konzept der Brückenkommunikation!

„Willst du Recht haben, oder glücklich sein?“, heißt ein berühmter Spruch aus einem Standardwerk über das Glück.

Ich habe aber Recht! Das ist eine echte Kampfansage, wenn es auch nur gedacht wird. Wer mir nicht glaubt, oder das nicht erkennen mag, ist ein oder Ignorant oder ein Sturkopf. Die Folge ist entweder beleidigter Rückzug oder eine hitzige Diskussion.

„Mama, ich habe mein Zimmer aufgeräumt.“ – „Aufgeräumt nennst du das? Das ist immer noch ein Saustall.“

Brokkoli schmeckt einfach nicht. Doch, der ist superlecker.“ –  „Gar nicht wahr, der schmeckt grausam!“ –„Du weißt ja nicht, was gut ist.“

„Vitamin C in hohen Dosen soll sehr gesund sein.“ – „Stimmt doch gar nicht, das kann Schäden anrichten.“ – „Ach Quatsch, du hast ja keine Ahnung.“

„Impfen, das ist höchst gefährlich!“ – „Im Gegenteil, sein Kind nicht impfen zu lassen ist grob fahrlässig!“ – „Du hast dich offensichtlich zu wenig informiert.“ – „So ein Schmarrn, DU solltest mal besser nachlesen!“

„Ich habe dir doch geschrieben, dass ich später komme.“  – „Nein, hast du nicht.“  – „Doch hab ich, ganz sicher, schau doch mal nach.“ –„Ich bin doch nicht blöd, bei mir ist keine Nachricht, erzähl mir keinen Quatsch.“-  „Ach doch, hab’s übersehen.“ /– „Oh, hat’s nicht gesendet…“

Wann hattest du zuletzt die offene Auseinandersetzung darüber, wer denn nun Recht hat? Oder hast dir zumindest still für dich gedacht: der hat ja einfach keine Ahnung! So dumm, so beschränkt, so ein Idiot! Warum sieht er/sie  einfach nicht, dass das wahr ist?

Im Denken von Kategorien in Richtig und Falsch liegt die Wurzel von Streit, Kriegen und Gewalt, zwischen zwei Menschen, Menschengruppen und ganzen Völkern.

So sehr sind wir überzeugt, im Recht zu sein. Dabei ist es unsere Sicht der Welt, die Brille, durch die wir hindurch schauen, die uns zu dieser Überzeugung kommen lässt.  Wir schauen uns sozusagen eine selbst gezeichnete Landkarte der Welt um uns herum an. Die Landkarte ist jedoch nicht die Landschaft, eine alte Weisheit aus dem NLP. Unsere Interpretation ist niemals die „Wahrheit“.

Aus einer anderen Perspektive nämlich sieht die Welt komplett anders aus.

Ein Hund kommt auf einen Menschen zu. „Hunde sind gefährlich!“ – „Hunde sind lieb!“ Zwei mögliche Denkweisen und Überzeugungen.

Hilfreich ist es, sich erst einmal selbst zu sagen: Also ICH sehe das gerade so. Für MICH ist das jetzt so. Ich empfinde so darüber. Das hat mit meiner eigenen Geschichte zu tun, meinen Werten, meinem Charakter, meinen erlernten Mustern.

Und dann stell dich mal probehalber in die Schuhe des anderen. Wie mag die andere Person das gerade sehen? Ist es möglich, dass sie eine völlig andere Überzeugung von derselben Sache hat? Kann ich damit leben und das einfach stehen lassen als IHRE Sicht der Dinge?

Ist es möglich, dass beide in ihrer Sicht „Recht haben“, weil jeder seine Gründe für die Überzeugung hat? Meine Wahrheit – deine Wahrheit. Können wir mit der Unterschiedlichkeit leben?

Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns (Rumi)

Ganz radikal heißt es in Kursen über die Gewaltfreien Kommunikation manchmal, es gebe kein Richtig und Falsch mehr. Das jedoch hat Rosenberg wohl nicht gemeint. Wir haben immer unsere eigenen Werte und Überzeugungen. Wahr ist jedoch, dass das Denken in den Kategorien von Richtig und Falsch die Menschen trennt.

Ich kann deshalb für meine Werte und Überzeugungen einstehen, die ich für mich als „richtig“ einschätze. Und gleichzeitig kann ich mich öffnen für die Welt meines Gegenübers, ohne sie gut finden zu müssen. So wäre es möglich, sogar mit radikalen Gruppierungen ins Gespräch zu kommen und Verbindung herzustellen, die eine Öffnung für neue Gedanken ermöglicht.

Ich will also verstehen, was in meinem Gegenüber vor sich geht. Was motiviert ihn, so und nicht anders zu denken?

Ist es Angst, ist es Frust oder Wut, weil grundlegende Bedürfnisse für ihn nicht erfüllt sind? So sehe ich ihn als Menschen, der aus irgendeinem unerfüllten Bedürfnis so agiert wie er es tut. Das ist für mich womöglich vollkommen fehlgeleitet und moralisch untragbar.

Wenn ich ihn zu verstehen versuche (und allein der aufrichtige Wunsch, zu verstehen bewirkt etwas!), dann kann sich eine Tür öffnen zum Dialog. Dann, und nur dann ist der andere auch bereit, auf meine Sicht der Dinge zu schauen.

Bei meinem Kind könnte ich denken: es hat scheinbar eine ganz andere Auffassung, was Ordnung bedeutet. Es scheint sich so wohl zu fühlen. Im Vergleich zu vorher, hat es schon sichtbar manches aufgeräumt.

Bei radikalen Ansichten kann ich mich bemühen, den Menschen in seinem unerfüllten Bedürfnis zu sehen. Vermutlich stecken Angst, Frust oder Wut dahinter. Wie könnte ich darauf eingehen? Kann ich ihm erst einmal Empathie geben für diese Gefühle? Und noch einmal: verstehen zu wollen bedeutet nicht gutheißen!

Ich möchte dich ermuntern, ab sofort erstens deine Sicht auf die Welt als deine ureigene zu würdigen, die auf jeden Fall ihre Berechtigung hat. Und danach, einmal die Seite zu wechseln, dich in die Schuhe des Gegenübers zu stellen und SEINE Brille aufzusetzen. Dann frag die andere Person, was bei ihr dahinter stecken könnte: „Bist du sauer/frustriert/wütend, weil dir ….wichtig ist?“

Hilfreich ist es, sobald mir die Bewertungen Richtig und Falsch in den Kopf kommen, dass ich mir bewusst mache: Es gibt keine absolute Wahrheit. Es ist meine Bewertung und meine Sicht der Dinge.

Sei neugierig und offen für die Welt deines Gegenübers, ob Partner, Kind oder Kollege. Das schafft Verbindung.

Deine Kirstie, Lichtfinderin

So kam vor kurzem der frustrierte Ausruf einer Seminarteilnehmerin, die zu Hause in schönster GfK Manier ihr inneres Brodeln in braven 4 Schritten zum Ausdruck gebracht hatte und dann von ihrem Freund eine Antwort bekam, die wiederum Ärger in ihr hervorrief. Sie brachte ungefähr Folgendes zum Ausdruck: „Ich beobachte, dass jedes Mal, wenn ich am Wochenende bei dir bin, übermäßig viel Arbeit anfällt. Ich bitte dich, das unter der Woche zu erledigen.“ Der Mann reagierte mit einer Rechtfertigung. Er erklärte lang und breit, warum er unter der Woche nicht dazu gekommen war.

Das wiederum ärgerte meine Teilnehmerin und sie behauptete: Die GfK funktioniert einfach nicht. Sie hätte sich gewünscht, dass die Bitte einfach gut ankommt und bei ihrem Freund ihre friedliche, gewaltfreie Wirkung entfaltet. Stattdessen hatte der sich scheinbar angegriffen gefühlt.

Was war da passiert? Warum funktioniert GfK manchmal irgendwie nicht?

Warum „funktioniert“ es immer wieder nicht, sich spannungsfrei auszutauschen über die eigenen Bedürfnisse und Anliegen, auch wenn man sich scheinbar genau an die 4 Schritte hält?

  • Die Haltung ist entscheidend

Erstens bin ich der Meinung, dass die Brückenkommunikation letztlich immer funktioniert, wenn ich in der inneren Haltung „Ich will Verbindung zu Dir“ bleibe. Dann kann auch ein explosiverer Austausch über das, was einem wirklich am Herzen liegt, der Beziehung nichts anhaben. Anders sieht es aus, wenn bei einer falschen Antwort sofort die Beziehung an sich in Frage gestellt wird. Wenn der eine Partner befürchten muss, der andere dreht sich gleich um und sagt: „Ich fahre besser wieder heim. Es ist einfach nichts mit uns beiden.“

Diese Haltung, in Verbindung bleiben zu wollen, egal was passiert (bzw. da müsste schon ein richtiger Tsunami kommen), ist die Grundvoraussetzung, dass „die GfK funktioniert“. Dann ist es auch nicht mehr so entscheidend, ob exakt die vier Schritte eingehalten wurden und ob diese wirklich auch GfK-Schritte waren.

  • Waren es wirklich 4 GfK Schritte?

Wenn aber schon diese innere Haltung eine wackelige ist, treten Schnitzer bei der Ausführung dieser vier Schritte stärker zu Tage. Sie fallen schwerer ins Gewicht. Betrachte ich mir die Äußerungen der Teilnehmerin genauer, hat sie zwar von einer Beobachtung gesprochen, jedoch war diese ziemlich verallgemeinernd. „Jedes Mal wenn…“ und „übermäßig viel“ sind zum einen pauschalisierende, zum anderen auch sehr subjektiv gefärbte Aussagen. Das reizt geradezu zum Widerspruch bzw. zur Rechtfertigung beim Partner.

„Die letzten beiden Samstage warst du mit Großeinkauf, Bürokram und Reparaturarbeiten beschäftigt. Uns blieb nur der Abend zusammen.“ Das wäre eine sehr viel konkretere Beobachtung, die der andere auch gut nachvollziehen kann. Oben nochmal hingeguckt, fehlt bei der „gewaltfreien“ Aussage der Frau ganz klar das Gefühl und das Bedürfnis. Während das Gefühl auch mal ausgelassen werden kann, ist es doch für den Partner wichtig zu verstehen, warum und woher diese Bitte jetzt kommt und weshalb man ihr nachkommen sollte. Das Bedürfnis ist das Herzstück der Aussage!

Ist die Freundin sauer, ist sie frustriert?(Gefühl) Weil ihr gemeinsame Zeit mit dem Partner sehr wichtig ist? (Bedürfnis) Hätte sie das dazu gesagt, würde er sich sogar geschmeichelt und geliebt fühlen. Stattdessen hörte er das Gesagte als Vorwurf, sein Leben nicht richtig zu organisieren und sich für seine Partnerin nicht genügend Zeit zu nehmen. Er wollte wiederum erklären, dass es nicht an fehlender Wertschätzung für sie lag, sondern daran, dass er drei Tage auf Geschäftsreise gewesen war und deshalb so viel auf‘s Wochenende gefallen war.

  • Brückenkommunikation ist Austausch und Verbindung

Brückenkommunikation ist immer ein Austausch. An der Reaktion deines Gegenübers wirst du erkennen, wie „gewaltfrei“ deine Aussage wirklich formuliert war. Erwarte auch bitte nicht, dass du mit einer Wand redest und auf eine gewaltfreie Aussage nur ein friedliches Lüftchen zurück weht.

  • Mein Bedürfnis UND dein Bedürfnis

Der andere ist ein Mensch, dem du etwas mitteilen wolltest. Du möchtest die Verbindung behalten und du willst, dass er ganz klar versteht, was genau dir gerade Probleme bereitet. Er soll verstehen, was bei dir dahinter steckt. Das ist ganz essentiell: WAS WILLST DU WIRKLICH? Was also ist das Bedürfnis, das unerfüllt ist?

Dieser angesprochene Mensch hat ein Recht, darauf zu reagieren. In der normalen Welt, unter lauter Wölfen, kann es sein, dass er wie ein Wolf reagiert. In jedem Fall reagiert er aus seinem Bedürfnis heraus. Wenn du in der verbindenden Haltung bleiben willst, kannst du ihn wiederum abholen: „Bist du betroffen, weil es dir wichtig ist, in deinem guten Willen gesehen zu werden?“ oder weniger gestelzt: „Willst du mir vielleicht mitteilen, dass ich dir durchaus wichtig bin?“

  • 4 Schritte + Nachfragen

Da die eigene Aussage, ist sie auch noch so gewaltfrei konstruiert, immer auch ganz anders beim anderen ankommen kann, ist es oft wichtig, noch eine Frage an die 4 Schritte anzufügen: „Wie geht es dir, wenn du das hörst?“ oder „Magst du mir bitte nochmal sagen, was bei dir angekommen ist?“

Das sollte dich nämlich auch interessieren. Was hat der andere verstanden? Was ist bei ihm/ihr angekommen? Hier können schon viele Missverständnisse ausgeräumt werden. Dabei in der verbindenden Haltung zu bleiben, ist mindestens die halbe Miete.

  • 4 Schritte und gut?

Zusammenfassend will ich damit sagen: Es reicht nicht, irgendwie einen Teil dieser 4 Schritte in die Welt zu rufen und zu hoffen, dass die Bitte beim anderen dann gut ankommt. Es bleibt ein Austausch, ein Tanz der Giraffen (hoffentlich!), ein Hin und Her, ein Ringen um das Vermitteln dessen, was mir selbst wichtig ist. UND ein Sich-Interessieren für  das, was gerade im Gegenüber vor sich geht. Eine Brücke zu bauen von meinem Bedürfnis, das ich dir offenbare, zu deinem Bedürfnis, für das ich mich interessiere. Also:

  • Worum geht es uns beiden wirklich?

Nur dann entsteht Verbindung bzw. bleibt diese erhalten. Hat jemand gesagt, dies wäre einfach?

Ist es nicht, doch sehr lohnenswert! Allein das Bemühen und Ringen darum wird einen großen Unterschied in deiner Kommunikation und damit in deinen Beziehungen ausmachen.

Wie soll ich mich entscheiden? Sage ich zu oder sage ich ab? Immer dann, wenn es sich unbehaglich im Bauch anfühlt, wenn du Widerstand spürst, dann solltest du dies nicht ignorieren, dich nicht ablenken oder das schlechte Gefühl gar herunterschlucken.

Schnell-Check Unbehagen/schlechtes Gefühl im Bauch

Stattdessen halte einen Augenblick inne und überlege: Was ist es? Was ist da los in mir?

  • Was ist geschehen, was hat jemand gesagt oder was hast du gedacht?
  • Welches Gefühl ist da gerade?
  • Welches Bedürfnis steckt dahinter, das im Moment unerfüllt ist?

 

Hier zwei Beispiele für Entscheidungssituationen, in denen dieses Unbehagen vielleicht auftritt:

Innerer Kampf Silvestereinladung/-planung

Meine Freundin Susanne fragt mich, ob ich an Silvester mit ihnen feiern möchte.

Da scheint sich etwas zu sperren in mir. Ich spüre inneren Widerstand. Wieso? 🤔

Ich möchte gerne abwarten, ob ich noch eine spannendere Einladung bekomme. Vielleicht bei Tobi und Karin? Ich hätte gerne Abwechslung und einfach Spaß, mit Musik und Tanzen am liebsten. Das ist mit den beiden meist leicht, mit Susanne wird es eher bodenständiges Fondue und philosophische Gespräche zum Jahresende geben.

Doch Susannes Einladung ist sehr nett. Sie ist wirklich eine gute Freundin. Ich danke ihr also für die liebe Einladung, über die ich mich ehrlich freue. Und frage, ob ich das ganz kurzfristig entscheiden darf, weil ich noch die Option einer wilden Party offen lassen möchte. Bis wann möchte sie Bescheid wissen?

Jetzt ist mir leichter. Das Unbehagen ist verschwunden. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und für Flexibilität und Freiraum gesorgt, ohne die Freundschaft zu gefährden. Wer weiß, vielleicht ist mir am Silvesterabend auch plötzlich nach Ruhe und guten Gesprächen. Das geht am besten mit Susanne!

 

Chef möchte Freizeit mit Kollegen verbringen

Der Chef möchte gerne die Belegschaft im Januar zum gemeinsamen Skifahren über ein Wochenende versammeln. Wenn es da grummelt in meinem Bauch, sollte ich mich damit beschäftigen.

Das bedeutet nicht zwingend, ihm eine Absage zu erteilen. Vielleicht habe ich keine Lust, weil ich meine knappe Freizeit lieber mit Freunden oder der Familie verbringen möchte. Dann spreche ich das auch aus. Dann ist das meine Priorität. Vielleicht ist es mir die Zeit jedoch nach einer Überlegung wert. Ich will Chef und Arbeitskollegen mal privat und von einer anderen Seite kennen lernen. Das wäre bestimmt gut für die Zusammenarbeit! Also entscheide ich mich bewusst und gerne dafür, auch wenn Skifahren nicht mein liebstes Hobby ist. Dann ist das wiederum meine bewusst gewählte Priorität.

Ich entscheide – mit etwas Bedenkzeit, bitte!

In jedem Fall ist das enge Gefühl im Bauch verschwunden. Ich bin Herr bzw. Herrin meiner Entscheidungen. Kein halbherziges Ja mehr! Kein „Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes.“

Mein Bauch sagt: „Jo, so isses gut jetzt.“

Beim nächsten Mal, wenn sich etwas „ungut“ anfühlt, horche kurz nach innen (Welches Gefühl? Welches Bedürfnis will gehört werden?) Es ist deine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass du stimmig bist in deinen Entscheidungen.

Deine Umwelt hat nichts davon und leidet womöglich sogar darunter, wenn du nur halbherzig oder griesgrämig zustimmst und es alle spüren lässt, dass es dir nicht gut dabei geht. Stimme mit vollem Herzen und gutem Bauchgefühl zu, weil es dir die Sache wert ist.

Oder stimme nach ausreichender Überlegung dagegen, weil dir der Preis dafür zu hoch ist. Das ist echt! Das ist gute Selbstfürsorge und du erweist dich als Partner, der klar ist in seinen Entscheidungen.

Sobald du inneren Widerstand spürst, bitte deshalb um Bedenkzeit.

Lass dich nicht zu schnellen Entscheidungen zwingen.

Wäge ab: deine Werte, deine Bedürfnisse und den Preis, der zu bezahlen ist für ein Ja oder ein Nein.

Du wirst sehen, dass dies mit der Zeit immer schneller geht. Der „Entscheidungsmuskel“ lässt sich trainieren. Gleichzeitig wächst dein Gefühl der Selbstbestimmung mit jeder weiteren Entscheidung.

Du erlebst dich als aktive*n Gestalter und Entscheider*in deiner Welt.

Und ja, du darfst das tun, wenn du dich besser fühlen willst… Ich gebe dir hiermit gerne die Erlaubnis 😉

Oder gibst du sie dir schon selbst?

Deine Kirstie

 

 Liste „Gefühlswörter“

Wenn du dich GUT fühlst…, bist du dann:                         bzw. Wie fühlt es sich an?

zufrieden

satt ausgeglichen ruhig beruhigt friedlich    
begeistert beschwingt beflügelt inspiriert neugierig beflügelt frei  
hoffnungsvoll zuversichtlich freudig dankbar erfüllt genährt reich  
kraftvoll voll Energie strahlend

kompetent

stark

genug

wertvoll  
achtsam mitfühlend empathisch liebevoll      

 

Wenn du dich SCHLECHT fühlst…, bist du dann:                  bzw. Wie fühlt es sich an?

wütend

sauer

zornig

empört

verzweifelt      

gelangweilt

enttäuscht

desillusioniert

traurig

resigniert

leer    
unruhig

hibbelig

nervös

überfordert überwältigt      

einsam

bedrückt

eng

schwer        

schwach

klein

wertlos

inkompetent

unfähig

     
unzufrieden unausgeglichen

angespannt

         
mutlos ängstlich

besorgt

         
freudlos dumpf

gefühllos

taub

       

 

 

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wir wünschen uns oft so sehr nichts anderes als die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen. Am liebsten von jemandem, der uns etwas bedeutet. Dabei erleben wir tagtäglich leider das Gegenteil. Die Menschen, mit denen wir uns unterhalten, interessieren sich zu allererst für sich selbst. Weiterlesen

„Das hast du gut gemacht!“ „Echt prima!“ „Super!“ „Weiter so!“ „Du bist echt ein kreativer Mensch!“

Ich habe es immer geliebt, gelobt zu werden. Es war mir total wichtig, dass die Leute sehen, was ich gemacht oder geschafft habe. Und ist es ausgeblieben, war ich nicht selten am Boden zerstört.

Mein Selbstbild war aufgebaut durch die Anerkennung von außen. Ich habe mich komplett abhängig davon gemacht. Die Reaktion meiner Umwelt bestimmte lange Jahre, wie ich mich fühlte. Wie ein Kasperl an den Marionetten-Fäden schien ich ausgeliefert auf Gedeih und Verderb dem Urteil der anderen. Weiterlesen

Wir reden den ganzen Tag über unablässig mit uns selbst. Du selbst bist dein engster Kommunikationspartner. Im Selbstgespräch sind das angeblich täglich 50.000 Wörter.

Du glaubst es nicht? Ach: „Heute Abend muss ich noch den Wecker stellen.“

„Was kauf ich nochmal alles ein?“  „Ich hasse Spiegelei! Mann, ist das eklig.“ „ Worauf habe ich heute Abend Lust?“ „ Ach, ich könnte Holger anrufen…“ – Das sind Beispiele für ganz normale Konversation mit dir selbst. Also ja, jeder hat eine innere Stimme.

Die Frage ist nur, ob du mit ihr streitest. Weiterlesen