Manchmal scheinen die Grenzen zu verschwimmen zwischen dir und mir. Ich fühle mich bedrängt, überschwemmt, überwältigt, erstickt. Oder aber ich fühle mich respektlos behandelt.*

Wut steigt in mir auf. Oder Hilflosigkeit. Es fehlt mir an Wertschätzung. Am Anerkennen, dass ich ein Mensch bin mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Mit meiner eigenen Geschichte, meinem eigenen Tempo, meinen eigenen Werten und Prioritäten. Meine Grenze wurde überschritten und ich merke es ganz deutlich an den Gefühlen in meinem Bauch oder in meiner Brust oder in meinem Hals. Mein erster Impuls ist es, mich zu wehren, zurück zu schlagen, am liebsten tatsächlich, doch wenigstens tu ich es mit Worten. Ich will mir meine Selbstachtung zurück erobern. Ich schlage verbal um mich und verletze dich dabei absichtlich, damit du meinen Schmerz irgendwie nachvollziehen kannst.

Doch jedes Mal entstehen tiefe Wunden. Die Gefühle werden allmählich taub auf beiden Seiten, manchmal kommt es sogar zum Beziehungsabbruch. Die innere Kündigung geht dem oft lange voraus. Immer wieder passiert es dir, dass deine Grenzen überschritten werden.

Vielleicht hast du das Gefühl, jemand fordert nur und fordert. Du solltest immer nur geben. So gibst du und gibst. Bis du irgendwann nicht mehr geben kannst, weil deine Kraftreserven erschöpft sind. Und wieder wird gefordert. Jetzt drückst du deine Verzweiflung aus, indem du sie herausschreist. Es reicht dir! Der andere fällt womöglich aus allen Wolken. Was ist denn bloß in den gefahren?, mag er sich denken.

Er oder sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was über Wochen und Monate in dir vor sich ging. Immer hast du gelächelt, geschluckt, ja gesagt, zugelassen, hingenommen. Bis der Moment kommt, an dem das Fass überläuft bzw. keine Energie mehr da ist, noch mehr zu geben. Und dann geht alles verdammt schnell. Du explodierst innerhalb von hundertstel Sekunden. Ohne nachzudenken. Zerschlägst dabei vielleicht eine Menge Porzellan. In jedem Fall wird die Beziehung nun von dir in diesem Moment aktiv beschädigt, in Frage gestellt, du gehst volles Risiko eines Beziehungsabbruchs.

Natürlich ist aus deiner Sicht der andere „schuld“. Der andere hat dich so weit gebracht. Der andere ist es, der dich jetzt so mies fühlen lässt. So klein und schwach und wertlos. Er soll dafür bezahlen und du schleuderst ihm all deine Wut entgegen. Sagst ihm mal richtig und ehrlich deine Meinung und was er die ganze Zeit mit dir gemacht hat.

So zerbrechen Beziehungen. So zerbrichst du letztlich selbst.

Zwar hast du dir in dem Moment scheinbar die Selbstachtung zurück erobert. Doch kommen danach oft die Schuldgefühle, dass du dich wie ein Wilder oder wie eine Furie benommen hast und sehr verletzende Worte gefallen sind, die du „eigentlich ja gar nicht so meinst“. Doch sie sind gefallen, der andere hat sie gehört und wird sie oftmals auch so schnell nicht mehr vergessen. Dasselbe Spiel wiederholt sich zudem immer und immer wieder…

Wie kommst du da raus? Dein Thema sind Grenzen.

Es liegt an dir selbst, dafür zu sorgen, dass du deine Grenzen anerkennst und wahrnimmst. Und das rechtzeitig. Ganz wichtig: rechtzeitig! Spannend ist, wie du womöglich selbst deine eigenen Grenzen mit schöner Regelmäßigkeit wieder und wieder ignorierst. Es mag der Gang zur Toilette sein, den du absichtlich hinauszögerst, weil du gerade im Flow deiner Arbeit bist. Die Pause, die du dir versagst, weil du so ein überaus fleißiger und gewissenhafter Arbeiter bist. Es mag sein, dass du immer noch länger an etwas arbeitest, obwohl du schon Erschöpfung spürst. Wie sensibel bist du eigentlich selbst für deine Grenzen?

Andere sollen deine Grenzen erkennen, sollen bemerken, wann es zu viel für dich ist? Ahhh…

Und wie und woran sollen sie das erkennen, im Vorfeld, bei den vielen kleinen Begebenheiten, die dich irgendwie ärgern, zu denen du aber jedes Mal „ja“ sagst, aktiv zustimmst oder sie einfach zulässt, nicht selten sogar mit einem (resignierten) Lächeln?

Kannst du dir vorstellen, dass dein Gegenüber nicht die leiseste Ahnung hatte, was die ganze Zeit über in dir vorging? Du spielst alles mit, na gut, dann wird es schon passen, dachte sich der andere. Also weiter so.

Dein Ausbruch jedoch, in dem sich deine Anspannung entlädt, kommt für dein Gegenüber vollkommen unerwartet und plötzlich. Er oder sie weiß nicht im geringsten, „welcher Teufel dich plötzlich reitet“. Du hast es dir vorher nicht wirklich anmerken lassen.

Was ich damit sagen will, ist, dass du und allein du selbst verantwortlich dafür bist, deine Grenzen zu wahren. Wirklich reif ist es, für die eigenen Grenzen sensibel zu sein, zu spüren, wenn es irgendwo im Körper zu grummeln anfängt. Und dann innerlich die Hand zu heben und dir zu sagen, „Stopp, das fühlt sich gerade nicht gut an.“ Ich sorge jetzt schon dafür, dass es mir sofort besser geht. Rechtzeitig gespürt und aktiv für dich gesorgt wirst du es ruhig, friedlich und sogar freundlich tun können. Dem anderen zu sagen „Nein, das geht heute für mich nicht.“ oder „Danke, ich mache das selbst.“ Oder „Jetzt nicht, nächstes Mal vielleicht.“ Was auch immer es ist, vor dem du dich selbst schützen willst.

Es ist wichtig, sich selbst diese Grenzen erst einmal zuzugestehen. Sie dürfen sein. Sie sind notwendig und wichtig.

Dein Partner, dein Chef oder deine Kinder werden es dir danken, wenn du ab jetzt rechtzeitig gut für dich sorgst und deine Grenzen ruhig,  freundlich und bestimmt absteckst und klar aussprichst. Jetzt wissen sie endlich, woran sie bei dir sind. Es mag ungewohnt für sie sein. Es mag Gegrummel bei ihnen auslösen. Doch letztlich profitieren sie davon. Denn sie werden dich als ausgeglichenen, berechenbaren Mitmenschen erleben. Deine emotionalen Ausbrüche werden Vergangenheit, das Um-sich-Schlagen wird nicht mehr notwendig sein. Denn du selbst sorgst im Alltag in vielen kleinen Situationen für deinen Selbst-Respekt. Indem du deine Grenzen anerkennst und kommunizierst. Die Beziehung zu dir selbst wird besser, denn du kannst dir selbst vertrauen. Und die Beziehung zu deinem Gegenüber wird tragfähiger und verlässlich.

Deine Kirstie

*GfK –Erfahrene werden sich wundern, warum ich „Pseudo-Gefühle“ oder „Nicht-Gefühle“ verwende. Ich möchte authentische Sprache verwenden. Wenn ein Mensch das so ausspricht („respektlos behandelt“, „überrollt“), ist das natürlich mit einem Gefühl verbunden. Jedoch ist wahr, dass damit dem Gegenüber die Verantwortung für die eigenen Gefühle zugeschoben wird.

Am Ende gilt es deshalb nochmal zu betonen: Gefühle entstehen immer in dir selbst durch die Bewertung einer Situation in deinen Gedanken. Der andere mag ein Auslöser FÜR DICH sein, jedoch würde dieselbe Situation einen anderen Menschen völlig kalt lassen. Du selbst bewertest in deinen Gedanken, was derjenige gesagt oder getan hat und „machst“ dir somit deine Gefühle selbst. Das geht übrigens auch zum Positiven:)

2 Kommentare
  1. Ralf During
    Ralf During sagte:

    Ein grenzenloses Europa hier, neue Bollwerke gegen Migranten da, wo Menschen sind ist Abgrenzung unvermeidbar und Willkommenskultur förderlich, geht es doch um Schicksale. Soweit im Außen. Im Inneren eines jeden tobt ein ähnlicher Verteilungskampf zwischen arm (Verletzungen) und reich (Stärken) und kein Migrationspakt regelt das künftige Miteinander. Hier ist das eigene Erkennen von Energiezufluss und -abfluss, von Dingen und Menschen, die einem gut tun oder als übergriffig erlebt werden, nötig. Und genau darum geht es in diesem wegweisenden Artikel, der den Lesenden in seiner Selbstverantwortung abholt und bestärkt, selbst für seine Grenzen zu sorgen und diese konstruktiv zu kommunizieren. Erst dann ist ein friedliches Miteinander zwischen Menschen, egal ob Partner, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Familie oder Fremden möglich. Grenzen hat jeder, deshalb ist ein Sichtbarmachen dieser auch kein Angriff, sondern eine Chance für Verstandenwerden und Verständnis im eigenen Interesse. Danke für diesen Augenöffner.

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    • Kirstie Bee
      Kirstie Bee sagte:

      Danke für den ausführlichen Kommentar! Tatsächlich bedeutet es im Außen wie im Inneren Krieg, wenn Grenzen ignoriert werden. Jeder Mensch, jedes Volk definiert seinen Wohlfühlbereich und tut gut daran, diesen rechtzeitig und friedlich zu verteidigen. Klar für sich selbst diese Grenzen zu definieren und es auch den anderen deutlich zu machen, das ist eines jeden Aufgabe. Das damit verbundene, notwendige „Nein-Sagen“ fällt nur ganz vielen Menschen so schwer. Dabei ist es ein „Ja“ zu sich selbst! Und führt letztlich zu mehr Harmonie.

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