“Ich fühle mich ungeliebt!” – Beispiel aus der Paarberatung

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“Ich fühle mich ungeliebt!” 

“Ich werde von meinem Mann so lieblos behandelt. Kalt ist er immer wieder, abweisend und schweigsam”, sagte die Klientin, ich nenne sie mal Johanna. Johanna, 37 Jahre, ist hilfesuchend zu mir gekommen, sie bräuchten dringend eine Paarberatung.

Johanna sagte: „Als ich ihn mal gefragt habe, warum ich keine Liebe bekomme, hat er eiskalt geantwortet: ‘Weil du sie nicht verdient hast.’“ Eine Aussage, die sie zutiefst erschüttert hat.

Weil du es nicht verdient hast. Das klang so herzlos, lieblos, eiskalt.

Ich habe mit beiden Partnern gesprochen, zusammen und mit jedem einzeln. Beide waren zutiefst unglücklich miteinander, wollten sich jedoch nicht trennen.

Bei Thomas, ihrem Mann, handelte es sich um einen Menschen, der seit langer Zeit zutiefst enttäuscht war und sich verhungert fühlte in der Beziehung mit Johanna.

Seine Gefühle hatte er immer mehr eingesperrt, er fühlte sich oft nur noch körperlich anwesend in dieser Beziehung. Doch aufgeben wollte er sie nicht.

Johanna ihrerseits war genauso ausgehungert nach Liebe. Sie fühlte sich wertlos, nicht genug in vielen Bereichen ihres Lebens, auch in ihrem Beruf und in ihrer Rolle als Mutter. Das Leben erschien ihr anstrengend und immer wieder sinnlos, so ohne Liebe.

Die Aussage von Thomas bestätigte, was sie selber fühlte. Sie mochte sich selbst nicht mehr und er liebte sie offenbar schon lange nicht mehr. Sie selbst fühlte ihm gegenüber auch nicht mehr viel. Die Ehe schien vor einem Abgrund.

 

Ist es denn so, dass wir uns Liebe verdienen müssen?

In der Kindheit haben es viele so erlebt, in der Partnerschaft geht es offenbar weiter. Als Kind gab es Belohnungen, Süßigkeiten, Aufmerksamkeit und Lob fürs Brav-Sein, für angepasstes Verhalten, für gute Leistungen. Auch in der Partnerschaft ist für die meisten die Liebe ein Geschäft: Gibst du mir, dann geb‘ ich dir. Krieg ich nicht das, was ich will, dann bekommst du auch nicht, was du willst.

Wenn das über längere Zeit so geht, dann sind beide sehr unglücklich in der Partnerschaft.

Konkret: der eine wünscht sich vom Partner regelmäßige körperliche Liebesbeweise, Streicheleinheiten, Umarmungen und auch Sex um sich geliebt zu fühlen.

Der andere wünscht sich Mithilfe und Unterstützung. Der nächste braucht gemeinsame Gespräche und Austausch, anerkennende Worte. Wieder andere wollen hauptsächlich gemeinsame Zeit miteinander verbringen. Oder jemand wünscht sich Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten, um sich geliebt zu fühlen.

Was ich jetzt aufgezählt habe, das sind die 5 Sprachen der Liebe nach Gary Chapman.

Kommt der eine Partner diesen Wünschen nicht oder zu wenig nach, fühlt sich der andere ungeliebt und droht quasi in der Beziehung zu verhungern.

Es wäre wichtig zu wissen, wie ein Partner Liebe gezeigt bekommen möchte, was jemand braucht, um sich geliebt zu fühlen.

Im Fall von Thomas und Johanna fühlte sich jeder der beiden ungeliebt vom anderen. Deshalb verhielten sie sich immer liebloser zueinander, denn das Herz muss ja geschützt werden vor noch mehr Verletzungen.

Es kam heraus, dass die beiden offenbar verschiedene Sprachen der Liebe sprachen, d.h. jeder hätte etwas anderes gebraucht. So hatte Johanna zum Beispiel nicht erkannt, dass die ständige Arbeit ihres Mannes in Haus und Garten seine Art war, der Familie Liebe zu zeigen. Alles wurde sofort repariert. Wenn sie seine Hilfe brauchte, war er meist gleich da. Er hätte sich von ihr Ähnliches gewünscht.

Johanna war das Handwerkliche eigentlich nicht so wichtig. Gerne hätte sie Arbeiter beauftragt und in der Zeit mit ihrem Mann gemeinsam etwas unternommen. Sie wünschte sich mehr Zweisamkeit. Außerdem sehnte sie sich nach Anerkennung und Wertschätzung für ihre Arbeit und auch nur für ihr Sosein.

Dass sie sich immer wieder Zeit nehmen wollte für gemeinsame Gespräche und Abendessen konnte er nicht als Ausdruck ihrer Liebe erkennen. Anerkennung und Wertschätzung auszusprechen war ihm nicht wichtig. Zu viel Lob taugt nix, war seine Devise.

So wusste keiner vom anderen, was er so dringend gebraucht hätte und verstand die Sprache der Liebe nicht.

Muss man sich Liebe also tatsächlich verdienen? Realistisch gesehen, in echten Beziehungen mit ganz normalen Menschen, lautet meine Antwort: für den Alltag miteinander – ja.  Denn es ist wichtig, dass Menschen sich geliebt fühlen können. Dazu ist der Wille und die Anstrengung beiderseits durchaus erforderlich. Nicht umsonst wird oft die Beziehung als Arbeit beschrieben. Vor Jahren habe ich mal den Vergleich gezogen:

„Die Liebe ist wie ein Pflänzchen, wenn wir sie nicht gießen, umsorgen und pflegen, dann geht sie jämmerlich ein.“

Auch wenn wir von bedingungsloser Liebe träumen und das etwas Wunderschönes ist…, so braucht es für eine gelungene Paarbeziehung noch mehr bzw. ist anderes noch wichtiger.

Es braucht es ein ehrliches Interesse beiderseits, was dem anderen wirklich wichtig ist. Und dann braucht es auch noch den Willen, sich um den anderen zu bemühen. Und Taten sprechen lassen. Bzw. Blumen, Küsse, ehrliche Komplimente, sich Zeit nehmen füreinander, einen Baby-sitter organisieren.

Je besser die beiden Partner zusammenpassen, je ähnlicher sie sich sind, in ihrem Charakter, in ihren Interessen, umso leichter ist tatsächlich die Beziehung und umso weniger wird sie als anstrengend empfunden.

Der Wunsch nach bedingungsloser Liebe

Bedingungslose Liebe gibt es zwischen Eltern und Kind meist in den ersten Wochen des Lebens. Später wird sie immer seltener, immer öfter an Bedingungen geknüpft.

Auch in der Paarbeziehung gibt es die bedingungslose Liebe. Manche Paare fühlen diese Liebe und sehen dennoch irgendwann ein, dass die Unterschiede oder Herausforderungen zu groß sind und deshalb jeder ohne den anderen glücklicher lebt. Man wünscht sich dann gegenseitig, glücklich zu werden, auch mit einem anderen Menschen. So sind zwei im Herzen verbundene Menschen nicht immer die besten Lebenspartner miteinander.

Was wir anstreben sollten ist die bedingungslose Liebe zu uns selbst, die radikale Selbstannahme, egal was. Dann fällt es uns nämlich auch leichter, über die Schwächen und Fehler anderer eher hinwegzuschauen, mit Großzügigkeit.

Die Probleme der beiden

Im Fall der Klienten war es so, dass Johanna sich selbst und ihr Leben nicht gut annehmen konnte. Sie musste anfangen, mit sich selbst liebevoller umzugehen und sich voll und ganz anzunehmen.

Auch die Art und Weise miteinander Konflikte auszutragen war ein wichtiges Thema.

Streit wurde mit Vorwürfen und Beschuldigungen ausgetragen, danach folgte der Rückzug.

Beide hatten große Probleme in der Kommunikation miteinander, beide waren gefangen in ihren Programmierungen und Glaubenssätzen. Ganz allmählich, Schritt für Schritt, haben sie in der Beratung verstanden, was da in ihnen abläuft.

Er hatte schon gar nicht mehr geglaubt, dass es jemals besser funktionieren könnte und war überzeugt, sie würde ihn sowieso eines Tages verlassen. So wie damals seine Mutter die Familie verlassen hatte. Als es deshalb Anzeichen gab, dass seine Frau immer unzufriedener wurde, begann er, sich emotional zurückzuziehen, immer mehr.

Gefühle wurden zugeschüttet, um ja nicht nochmal so verletzt zu werden wie in seiner Kindheit. So hatte er eine Herzmauer um sich herum aufgebaut. Positive Ansätze wurden gar nicht mehr wahrgenommen, nur noch die negativen, denn er wollte ja gewappnet sein, für den Tag, an dem sie ihn verlassen würde.

“Wie verhältst du dich denn deinem Mann gegenüber?”, fragte ich Johanna. Ehrlich musste sie zugegeben, dass sie sich auch wie ein Eisschrank vorkam.

Sie spiegelte also bewusst seine Kälte zurück und beide lebten sie nur noch nebeneinanderher und hörten auf, sich um den anderen zu bemühen.

Zu spät?

Paartherapeuten sagen: die Paare kommen in der Regel zu spät in die Beratung.

Und das ist richtig, je früher, desto besser, am besten am Anfang der Beziehung! Dennoch ist immer noch viel möglich, wenn nur der Wille da ist, aneinander festzuhalten und etwas zu verändern im Umgang miteinander und auch mit sich selbst.

Es gilt, wieder neugierig auf den anderen zu werden, sich ehrlich zu interessieren. Dabei offen zu sein, nicht gleich wieder das alte Programm erwarten, bzw. Muster zu unterbrechen.

Sich Zeit nehmen füreinander, wie für einen neuen Partner. Für Thomas war es wichtig zu erkennen, dass die Partnerin nicht die eigene Mutter ist und dass bestimmte Trigger keine Relevanz mehr haben. Dass Vergangenes sich nicht wiederholen muss. Auch Johanna hatte ihre Lernaufgaben.

Sie musste lernen ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen. Gleichzeitig auch wieder Bereitschaft zeigen, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Er brauchte die körperliche Zuwendung, häufige Berührungen im Alltag. Sie wünschte sich mehr gemeinsame Zeit und gute Gespräche. Schlüssel zur Veränderung waren regelmäßige gemeinsame Zwiegespräche auf der Couch und regelmäßige Einzel- und Paarsitzungen über ein halbes Jahr.

Es dauerte nicht lange und die Lage hatte sich deutlich entspannt. Beide waren in ihrer Eiseskälte des Herzens aufgetaut, hatten sich wieder füreinander erwärmt.

Ehrlich gesagt, hat es am Anfang gar nicht danach ausgesehen, doch die beiden haben offenbar wieder zueinander gefunden. Wenn es auch bei so unterschiedlichen Menschen immer mit mehr Anstrengung verbunden sein wird, so war der Wille doch groß genug, das zu schaffen.

 

Weißt du denn, was deine eigene, wichtigste Sprache der Liebe ist? Was brauchst du, um dich geliebt zu fühlen?

Ich zähle nochmal die 5 Sprachen auf:

  • Anerkennung und wertschätzende Worte
  • Gemeinsame Zeit
  • Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten
  • Hilfe und Unterstützung
  • Körperliche Nähe/ Zärtlichkeit

Kennst du bevorzugte Sprache deines Liebsten? Wenn nicht, wäre es jetzt Zeit sie herauszufinden.

Dann kannst du bewusster wahrnehmen, wenn er in seiner Sprache zu dir spricht und es als Zeichen seiner Liebe deuten. Umgekehrt magst du dann vielleicht öfter bewusst seine Sprache selbst sprechen, damit er sich geliebt fühlen kann:

Was braucht es mehr bei euch? Mehr auf jeden Fall von dem, was funktioniert!

Die wichtigsten Sprachen, finde ich, noch vor Chapmans 5 Sprachen, die beide sprechen sollten, sind Offenheit füreinander und echtes Interesse aneinander. Dazu gehört, sich Zeit zu nehmen. Gerade als Paar mit Kindern. Denn die Zeit ist nie da, wenn man sie sich nicht nimmt und möglich macht.

Abgesehen davon, ist es die Aufgabe eines jeden Partners, sich selbst immer mehr zu lieben und anzunehmen, mit den eigenen Fehlern und Schwächen.

Denn der andere kann niemals das Loch im eigenen Herzen stopfen, wenn die Liebe nach innen fehlt.

Je mehr wir es schaffen, uns selbst zu lieben, umso mehr Liebe haben wir herzuschenken.

 Liebe ist Großzügigkeit, Liebe übersieht Schwächen und Liebe verzeiht.

Namasté, ich grüße das Göttliche in dir, bedeutet, ich sehe die Liebe in mir und in dir, auch wenn sie vielleicht gerade noch verschüttet ist.

Deine Kerstin von Lichtfinder

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