Reizbar im Alltag

Genervt und gereizt im Alltag und in Beziehungen (Teil 1)

Das alles nervt mich so! Ich werd noch wahnsinnig!!!

Heute geht es um das Phänomen des Genervtseins, der Gereiztheit. Woher kommt unsere Dünnhäutigkeit im Alltag (Teil 1) und was tun, wenn der Partner immer mehr nervt? (Teil 2)

 –  Diesen Text kannst du als Podcastfolge 96  im Lichtfinder Lebensfreude Podcast hören. Kostenlos und überall, wo es Musik gibt. Mehr dazu. 

(Teil 1) Warum sind wir im Alltag so genervt?

Heutzutage ist das Gefühl der Genervtheit wahrscheinlich die am häufigsten erlebte Emotion – und am wenigsten erforscht.

„Annoying – the science of what bugs us“ von Joe Palca Flora Lichtman

Was heißt es eigentlich, genervt zu sein: darüber besteht Uneinigkeit: leichter Ärger, aber auch frustriert Sein und mit Widerwillen versehen. Irritiert, unwohl, es ist ein unangenehmes Gefühl. Schlimmer, wenn noch Faktoren der Unberechenbarkeit hinzukommen (wenn man nicht weiß, wie lange etwas dauern wird, wenn es mal so ist und mal so, wenn man zu wenig darüber weiß und sich hilflos ausgeliefert fühlt z.B. bei Hämmern in der Nachbarwohnung) und wenn das die eigenen Pläne durchkreuzt., z.B. wenn sich grade ausruhen wollte oder man sitzt über den Prüfungsunterlagen und hat sich endlich zum Lernen durchgerungen

Oder der Kuchen will gebacken werden, doch nun fehlt ein Ei.

Oder wir stehen im Stau und wissen nicht, wann wir an unser Ziel kommen. Das ist besonders unberechenbar, weiß ja keiner, wie lange das noch dauern wird. Genauso bei verspäteten Zügen oder verzögerte Gepäckauslieferung am Flughafen.

Es ist nix Dramatisches, doch wir kommen nicht vorwärts, dorthin, wo wir eigentlich gerade schon so gerne sein wollen. Es sind unkontrollierbare Hindernisse, die von außen kommen, die so fürchterlich nerven..

Ein Gefühl von Angespanntheit gehört auch mit dazu.

„Obwohl jeder sagen kann, was ihn stört, gibt es fast niemanden, der erklären kann, warum ihn etwas nervt.“ (Palca und Lichtman)

Ursachen

Unberechenbarkeit: fehlende Kontrolle

(ausführlich in der Hörversion…)

Moderne Welt

Negative Emotionen spielten in der Evolution schon immer eine wichtige Rolle beim menschlichen Überleben. So halten wir uns dadurch von Situationen fern, die nicht gut für uns sein könnten.

Unsere moderne Welt ist besonders nervig: Enge in Räumen oder die Enge unter vielen fremden Menschen in der U-Bahn, Lärmbelästigung durch Lärm aller Art (Straßenverkehr, Handwerker-Lärm und Babygeschrei oder Hundegebell, Musik des Nachbarn bis spät in die Nacht), Reizüberflutung durch ein Überangebot an Waren und Optionen, in den Supermärkten aber auch in allen Bereichen des Lebens. Das Internet bombardiert uns ständig mit allen möglichen Informationen, Wissen- und Unterhaltungsangeboten.

Dazu kommt die enorme Wissensflut, in die wir uns immer wieder einarbeiten müssen mit jedem neuen Gerät, mit jeder neuen Software-Anwendung. Die Komplexität ist verwirrend und wir haben nicht die Zeit, uns mit jeder Gebrauchsanleitung, jedem Beipackzettel und jeder Datenschutzerklärung oder AGB Seite eingehend zu beschäftigen. Manchmal ist es aber so ein wichtiges Detail, das uns dadurch entgangen ist, dass wir die Folgen zu spüren bekommen.

Oft geht die Technik nicht so wie wir sie haben wollen und wir schlagen uns und stundenlang damit herum: wer schon mal ein Zertifikat für die Steuererklärung beantragt hat oder eine Facebook Anzeige erstellen wollte oder sich bei einer Partnerbörse anmelden wollte weiß, was das für eine Einarbeitung bedeutet, jeweils eine Wissenschaft für sich.

Was mich wundert, ist, dass die beiden Forscher so ganz offensichtlich simple Ursachen für Genervtheit nicht eigens nennen, nämlich: Hunger und Müdigkeit, Unausgeglichenheit, fehlende Lebenszufriedenheit.

Wichtige Bedürfnisse im Mangel

Dass Hunger einen großen Einfluss auf unser Nervenkostüm hat, wurde erst in neuesten Studien nochmals wissenschaftlich bestätigt. Hanrgy heißt das Phänomen: eine Mischung aus hungry und angry. Also hungrig und ärgerlich.

Immer dann, wenn wichtige Bedürfnisse immer wieder oder dauerhaft zu kurz kommen, entsteht dieses dünne Nervenkostüm, dieser niedrige Lebensenergielevel.

Überforderung

Bei beiden Geschlechtern kann eine Dauergereiztheit auch ein Hinweis auf ein Burnout oder eine beginnende Depression sein. Da sind diejenigen ganz unzufrieden mit ihrem Leben, mit den Umständen zu Hause und in der Arbeit, mit der Paarbeziehung und oft kommt noch eine Überforderung im Job mit zu vielen Aufgaben und zu hohen Leistungsansprüchen dazu, die das Problem auf die Spitze treibt und es kommt zu Stimmungseinbrüchen und -schwankungen.

Nervige Zeitgenossen

Und dann sind da natürlich noch die nervigen Zeitgenossen: die Kollegin, die immer Kaugummi kaut. Der junge Kollege im Großraumbüro, der jeden seiner Schritte laut vor sich hin kommentiert und manchmal sogar summt bei der Ablage oder am Kopierer. Die 13jährige Tochter, die grundsätzlich das Essgeschirr ins Zimmer hochzieht und dort Ameisen züchtet. Der Partner, der die Schuhe mitten im Eingang stehen lässt, samt schmutziger Socken daneben.

Am nervigsten sind sowieso die Menschen im eigenen Haus oder in der unmittelbaren Umgebung der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder bei der Arbeit. Mit denen wir immer wieder zu tun haben.

Sensibilisierung mit der Zeit

Je länger und häufiger man den Marotten und Wunderlichkeiten seiner Mitmenschen ausgesetzt ist, umso leichter regt man sich darüber auf. So entwickelt sich laut Michael Cunningham eine soziale Allergie. Ist man am Anfang nur leicht gereizt, so fällt die Reaktion mit der Zeit immer heftiger aus. Wie bei Heuschnupfen. So kann fast jeder einen Menschen nenne, der ihn mit Kleinigkeiten in den Wahnsinn treibt. Schlimm, wenn es der eigene Lebenspartner ist. Das ist bei immerhin 18% der Fall. Also, nicht dass diese davon wirklich wahnsinnig geworden wären, aber das haben in einer Studie 18 % der Befragten so angegeben.

Ich glaube sogar, dass die mildere Gereiztheit noch weit häufiger vorkommt als die in der Studie  genannten 18 %.

Nach der anfänglichen Verliebtheit, wenn die rosarote Brille abgenommen ist, fallen einem irritierende Verhaltensweisen auf. Tatsächlich hört dann auch jeder auf, sich besonders anzustrengen und zeigt immer mehr sein wahres Wesen.

Durch wiederholtes Ausgesetzt-Sein gibt es dann die Sensibilisierung der Wahrnehmung und heftigere Reaktionen darauf.

Studie aus dem Jahr 2005 von Cunningham mit über 130 Paaren im Studentenalter:

Den weiblichen Studienteilnehmern ging bei Männern besonders auf die Nerven: Unordentlichkeit, körperliche Ungepflegtheit, emotionaler Rückzug

Den männlichen Studienteilnehmern ging bei Frauen besonders auf die Nerven: Weinerlichkeit, Launenhaftigkeit, ständiges Kritisieren

Besondere Lösungen heraus fanden die Forscher offenbar nicht. Außer die Möglichkeit, sich gelegentlich mal zur Wehr zu setzen. Oder auszublenden, was man gerade nicht ändern kann und sich auf wichtige Dinge konzentrieren. Oder dass man sich denkt, es sei ja ihm Vergleich zu ganz großen Problemen gar nicht so schlimm.

Ich hab da durchaus noch ein paar Strategien mehr für dich auf Lager.

Doch bis hierher erstmal Teil 1 der Folge zum Genervt-Sein. Ich glaube, es ist schon ganz deutlich geworden, dass es mehrere Faktoren gibt, warum oder wodurch man genervt ist. Zur Wiederholung nochmal:

  • Wichtige Bedürfnisse im Mangel: das Hangry-Phämomen
  • Unberechenbarkeit und fehlende Kontrolle über ein Geschehen
  • Die moderne Welt: mit der Enge, den anonymen Menschenmassen, dem vielfältigen Lärm, der Reizüberflutung, Wissensflut und Techniküberforderung
  • Die eigene Überforderung durch zu viele, eventuell auch zu schwierige Aufgaben bei gleichzeitig hohen Leistungsansprüchen
  • Die Sensibilisierung bezüglich der Marotten unserer Mitmenschen im Sinne einer gesteigerten allergischen Reaktion

Ich denke, dadurch ist schon deutlich geworden, dass es nicht nur dieser eine Mensch ist, der das eigene Leben schwer macht. Nicht die eine Kollegin, nicht die Partnerin, der Partner allein. Es gehören viele Faktoren dazu, dass die Nerven blank liegen.

Im Teil 2 der Folge werde ich ganz speziell auf Genervtsein in der Partnerschaft eingehen. Auf schlechte Strategien damit umzugehen und auf hilfreiche Wege aus dem Genervtsein heraus.

Hier geht es zu Teil 2: Mein*e Partner*in nervt mich so! Gereiztheit in der Paarbeziehung.

 

Deine Kerstin Bulligan

vom Lichtfinderlebensfreude Podcast

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